Analyse: Wie das Vermächtnis von Kardinal Lehmann den Weg in die Zukunft der Kirche weist

Die Trauer über den Tod des beliebten Bischofs ist tief, und vielleicht ist es auch Trauer über eine Kirche, die es nicht mehr gibt. Was aber sagt dies für die Zukunft der Kirche aus?

Karl Kardinal Lehmann bei seinem Festvortrag am 13. Juni 2015 anlässlich des 24. Diabetes-Symposiums in Bad Neuenahr.
Foto: Wikimedia / Volker Jost (CC BY 3.0)
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Die Zahl der Trauerbekundungen war enorm, als die Nachricht vom Tod des emeritierten Bischofs von Mainz erschien, wie auch die Zahl der Zeichen tiefer Dankbarkeit: Wenige Personen haben die Kirche in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten so geprägt, wenige haben so viele Menschen bewegt, wie Kardinal Karl Lehmann. Aus der Politik und von anderer Seite meldeten sich dazu die Stimmen zu Wort – darunter solche, die sonst beim Thema Kirche längst schweigen, oder mit dem Glaubensleben wenig am Hut haben. Jenseits aller politischen oder theologischen Einordnung ist genau dies ein Hinweis darauf, was die Kirche von ihrem verstorbenen Oberhirten primär lernen kann.

"Das Bistum Mainz trauert um einen weit über die Kirche hinaus hoch anerkannten Theologen und Seelsorger, einen leidenschaftlichen Brückenbauer zwischen den Konfessionen und einen Zeugen des Glaubens inmitten der Gesellschaft", zitierte "katholisch.de", das Portal der Deutschen Bischofskonferenz, den Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Schon die Reaktionen in der vergangenen Woche, als das Bistum über den kritischen Gesundheitszustand Lehmanns berichtet hatte, seien "überwältigend" gewesen. 

Am 21. März wird Kardinal Lehmann nun beigesetzt, in der Bischofsgruft des Mainzer Doms. Wie das Bistum mitteilte, wird ab heute, Dienstag, der Verstorbene in der Mainzer Seminarkirche aufgebahrt. Dort können Trauernde Abschied nehmen und sich in ein Kondolenzbuch eintragen. Der Sarg Lehmanns werde dann am 21. März in einem Trauerzug durch die Mainzer Innenstadt zum Dom überführt, so die Diözese.

Priester, Professor, Bischof und Kardinal: Karl Lehmann prägte nicht nur als langjähriger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) wesentliche Weichenstellungen des deutschen Episkopats; er beschrieb und lehrte als Theologe die Positionen, die diese Weichenstellungen ermöglichten.

Genau das machte ihn zu Lebzeiten einer herausragenden Figur: Aus der seltenen Fähigkeit heraus, die theologischen Positionen eines eloquenten Professors in die Realität des Lebens der Kirche (zumal in Deutschland) zu überführen – sowohl 33 Jahre lang als Bischof wie auch 21 Jahre lang als DBK-Vorsitzender – speist sich der prägende Einfluß von Kardinal Lehmann. Dieser Einfluß reichte, ja, reicht bis heute, weit über die Grenzen des deutschen Episkopats und dessen Schafweiden hinaus – und die gezollte Wertschätzung ist nur ein kleiner Hinweis darauf, wie wichtig der Einfluss von "Karl dem Großen", wie das Portal der Deutschen Bischofskonferenz ihn nun würdigte, wirklich war – und derzeit ist. 

Abschied von einem beliebten Bischof – und von einer Kirche?

Die Trauer ist nicht nur tief, sondern vielleicht ein Hinweis auf etwas mehr: Neben dem Verlust des bebliebten Bischofs spürt man auch einem weiteren Verlust nach, genauer: Man nimmt Abschied von einer Form von Kirche in Deutschland, die es so nicht mehr gibt, und für die der Name Lehmann stand. Wie sehr, das deutet etwa, durchaus positiv gelesen, der Begriff "Lehmann-Kirche" an, mit der nicht (nur) der Mensch gemeint war, sondern das, was Philipp Gessler in der "taz" den "weltoffenen Flügel" der Kirche nannte.  

Treffend schreibt darüber Volker Resing in seinem Nachruf in der "Welt", die einst dominante Kirche in Deutschland sei heute eine "mit sich selbst beschäftigte Gemeinschaft" und ein "schrumpfender Riese". Diese "nun im Verschwinden begriffene Volkskirche" habe wenig zu tun mit der Kirche, in der Lehmann "viele Fenster aufgerissen" habe, stellt der Chefredakteur der Herder-Korrespondenz fest.

Es ist nicht mehr die Welt von Karl Lehmann. So trauern die Gläubigen nun, nachdem er im Alter von 81 Jahren in Mainz gestorben ist, um ihn, aber auch um eine Kirche, deren kraftvolles Aushängeschild er war.

Wobei sich ein Paradox auftut, bei dessen Entfaltung ein Schlüssel zur Einordnung des Vermächtnisses von Kardinal Lehmann gewinnen lässt, und vielleicht ein neuer Zugang zum Verständnis der Zukunft der Kirche

Der Widerspruch ist wie folgt: Einerseits scheint in der Kirche unter Papst Franziskus der Reformkurs verfolgt zu werden, dessen Weg just der Mainzer Bischof ebnen half. Andererseits reformierte dieser Weg in Deutschland zumindest eine Kirche, die es mittlerweile so gar nicht mehr gibt, und deren Herausforderungen – heute wie in Zukunft – ganz andere sind. Und die just nun als richtungsweisend für Weichenstellungen in Rom und die ganze Weltkirche gelten.

Was also ist das wahre Vermächtnis von Kardinal Lehmann, den Kardinal Reinhard Marx jetzt würdigte als "großer Theologe, Bischof und Menschenfreund"?

Was sollte jeder mündige Katholik über den nun mit 81 Jahren verstorbenen Sohn eines Volksschullehrers aus Sigmaringen wissen, über dessen Tod Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, dass sie "sehr traurig" sei, und sich vor seinem Lebenswerk verneige?

Konzil, Konfliktberatung, Kommunion

"Der gute Freund, (...) der uns allen Orientierung gegeben hat" (noch einmal Kardinal Reinhard Marx) und sein Vermächtnis ist natürlich auf den ersten Blick einzuordnen daran, wie er in den Jahrzehnten seines Wirkens an entscheidenden, historisch bedeutsamen Druckstellen zwischen Kirche und Welt operierte, die auch innerkirchlich aktuell wieder für Spannungen sorgen, konkret: Konzil, Konfliktberatung, Kommunion

Sei es bei der Frage der Interpretation und örtlichen Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils, oder dem Umgang mit der Kultur des Todes durch Abtreibung, verhandelt zu seiner Zeit unter dem Begriff "Schwangeren-Konfliktberatung" – oder der Frage der heiligen Kommunion, und wer diese empfangen darf: Der "dem Menschen zugewandte Seelsorger" (Kardinal Rainer Maria Woelki) beschrieb, bezog, vermittelte und ging den Weg, der "richtungweisend" (Bischof Gebhard Fürst) und "immer ein Vorbild" (Erzbischof Heiner Koch) für große Teile der katholischen Kirche in Deutschland war: Der Weg eines Brückenbauers

Mehr noch: Mit der Wahl von Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst – die Kardinal Lehmann schon 2005, und erfolgreich dann 2013 im Konklave unterstützt haben soll – schwenkte auch das aktuelle Pontifikat zumindest, was etwa die mit Konzil und Kommunion verknüpften Themen betrifft, auf einen ähnlichen Kurs ein. 

Eine Frage der Haltung

Doch ist es weder ein widersprüchliches, noch ein "veraltetes" Vermächtnis einer schrumpfenden Kirche, das Kardinal Lehmann für die Zukunft hinterlässt, und für das ihn manche so vollmundig loben, sondern vor allem ein zutiefst menschliches, das auf Gott gerichtet ist: Eine christliche Haltung, die auch prägend ist für Papst Franziskus und dessen Pontifikat. Die einen wahren Brückenbauer eben ausmacht – und die letztlich bedeutsamer und zukunftsträchtiger ist als inhaltliche Positionierungen.

Wie diese aussieht: Das zeigt etwa Philipp Gessler in seinem Nachruf für die "taz", mit der Schilderung einer freundlichen, behutsamen Begegnung Lehmanns mit der Punkrock-Sängerin Nina Hagen. Es ist eine Haltung, weltoffen zu sein, ohne dabei die Lehre zu verwässern oder die eigene Person in der Nachfolge Jesu zu verkrümmen: "So, dachte ich, muss Kirche sein: Sie muss mit allen reden, richtig zuhören, ohne sich zu verbiegen", schreibt Gessler.

Eine Lektion, die so alt ist wie die Kirche. und die immer aktuell bleibt, solange man daran festhält, was der Wahlspruch Lehmanns war, den er aus dem ersten Korintherbrief nahm:  State in fide – "Steht fest im Glauben". 

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