Kardinal Marx zu Missbrauchsfällen im eigenen Erzbistum: "Das System Kirche hat versagt"

In der Pfarrgemeinde gibt es nach derzeitigem Erkenntnisstand der Erzdiözese drei Betroffene sexuellen Missbrauchs

Kardinal Reinhard Marx, damals noch Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz (DBK), bei einer Pressekonferenz um "Synodalen Weg" im Januar 2020.
Foto: Rudolf Gehrig / CNA Deutsch

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, hat erneut das "System Kirche" für den Missbrauchsskandal mit verantwortlich gemacht. Auch er selbst habe versagt, räumte der Kardinal bei einem Pfarreienbesuch am vergangenen Samstag in Garching.

Wie das Erzbistum München und Freising am 17. Juli meldete, habe sich Kardinal Reinhard Marx bei einem Besuch des Pfarrverbands Garching-Engelsberg "für das Versagen der Institution Kirche im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt persönlich entschuldigt". Die Pressemitteilung zitiert den Kardinal mit den Worten:

"Dass ein Pfarrer, der des Missbrauchs überführt war, bei Ihnen eingesetzt war, ist eine Katastrophe und ich entschuldige mich. Das System Kirche hat versagt. Auch persönlich bitte ich um Entschuldigung; auch nach 2010 hätte vieles besser laufen können."

In der Pfarrgemeinde gibt es nach derzeitigem Erkenntnisstand der Erzdiözese drei Betroffene sexuellen Missbrauchs, bei denen es konkrete Hinweise auf Taten in den achtziger und neunziger Jahren durch den in dieser Zeit in der Pfarrei eingesetzten Priester gibt. Das Erzbistum bezeichnet den Einsatz dieses Priesters in der Pfarrseelsorge und die mangelnde Information der Gemeinde waren angesichts von dessen Vergangenheit als "schweren Fehler".

Der "Synodale Weg" als die Lösung?

Kardinal Marx sagte den Pfarreivertretern weitere Unterstützung zu und betonte, dass Missbrauch "Verrat an der Botschaft Jesu" sei. In einem an den Gottesdienst anschließenden Pressetermin ergänzte Marx, es sei auch in diesen Gesprächen deutlich geworden, "dass Aufarbeitung eine lange Geschichte ist", berichtet die Pressestelle weiter. Sowohl die Kirche als auch er persönlich als Bischof haben das unterschätzt, wie der Kardinal betonte. 

Marx sagte auch, dass als Folge der Missbrauchsvorfälle nun Reformen nötig seien, die im umstrittenen "Synodalen Weg" ebenfalls angestrebt werden. Wörtlich sagte der Kardinal:

"Der zweite Strang der Aufarbeitung ist ja die Reform, die Erneuerung, der 'Synodale Weg'."

Die eine Seite der Aufarbeitung sei, zu klären, was geschehen ist, das Ernst-Nehmen der Betroffenen und die Frage nach den Verantwortlichkeiten. Die andere Seite betreffe die Frage: "Habt ihr gelernt? Wenn das, was wir hier und weltweit in den letzten Jahren in der Kirche erlebt haben, wenn der Schock nicht zu einer Reform führt, dann weiß ich nicht, wie groß der Schock werden muss."

Kritik am "Synodalen Weg" wächst

Kardinal Marx war sechs Jahre lang Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz (2014-2020). In diese Zeit wurde auch der "Synodale Weg" beschlossen und mit der ersten Synodalversammlung am 30. Januar 2020 in Frankfurt am Main eröffent. Seitdem dauert dieser als "Reformprozess" deklarierte Weg nun schon eineinhalb Jahre an.

Dass der "Synodale Weg" einen Aufschwung für die Katholische Kirche in Deutschland bewirkt oder gar verloren gegangenes Vertrauen wiedergewonnen habe, geben zumindest die akuellen Zahlen der Kirchenstatistik nicht her. Wie CNA Deutsch berichtete, hatte auch der Nachfolger von Kardinal Marx als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, behauptet, der "Synodale Weg" sei ein geeignetes Mittel, um den Missbrauchsskandal aufzuarbeiten und um verloren gegangenes Vertrauen wiederzugewinnen. Bätzing sagte als Reaktion auf die ernüchternden Zahlen der aktuellen Kirchenstatistik:

"Ich wünsche mir sehr, dass der 'Synodale Weg' seinen Beitrag dazu leisten kann, neues Vertrauen aufzubauen."

Missbrauchsbetroffene selbst haben schon zu Beginn die Umsetzung des "Synodalen Weges" als eine "Instrumentalisierung" kritisiert oder gar von einem "Missbrauch des Missbrauchs" gesprochen (CNA Deutsch hat berichtet).

Auch im In- und Ausland wächst die Kritik an diesem Konzept.

Kritik an Kardinal Marx persönlich

Kardinal Reinhard Marx steht ebenfalls weiter in der Kritik. Davor gab wiederholt schwere Vorwürfe, Marx sei sowohl in seiner Zeit als Bischof von Trier, als auch als Erzbischof von München und Freising, nicht konsequent gegen Missbrauchstäter vorgegangen.

Als Marx vom Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier (SPD) mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden sollte, kam es zu heftigen Protesten. Am 27. April 2021 gab das Erzbistum München und Freising bekannt, dass Kardinal Marx den Bundespräsidenten gebeten habe, die Auszeichnung nicht vorzunehmen. Marx erklärte seinen Schritt so:

"Die Kritik, die nun von Menschen geäußert wird, die von sexuellem Missbrauch im Raum der Kirche betroffen sind, nehme ich sehr ernst, unabhängig von der Richtigkeit der einzelnen Aussagen in Offenen Briefen und in der medialen Öffentlichkeit."

Dennoch hielten einige Missbrauchsbetroffene diesen Schritt des Kardinals für "nicht glaubwürdig" (CNA Deutsch hat berichtet). Angesprochen auf ein Zitat aus der Pressemeldung des Erzbistums München und Freising, wonach Kardinal Marx die Auszeichnung auch zum "Anlass zur selbstkritischen Betrachtung seines Wirkens und der Arbeit der Katholischen Kirche insgesamt" nehme, antwortete der Betroffene Peter Bringmann-Henselder in einem Interview mit EWTN.TV:

"Die selbstkritische Betrachtung hätte er schon in Trier anfangen müssen, als die Missbrauchsfälle gemeldet worden sind. Wenn er das jetzt erst annimmt, dann muss ich sagen, hat er die ganze Zeit einiges verschlafen, als er dort im aktiven Dienst gewesen ist."

Der verhinderte Rücktritt

Am 4. Juni 2021 wurde bekannt, dass Marx dem Papst gar seinen Amtsverzicht angeboten hat (CNA Deutsch hat berichtet). In seiner persönlichen Erklärung gestand der Erzbischof, er habe in den vergangenen Monaten immer wieder über einen Amtsverzicht nachgedacht.

Seine Bitte um Annahme des Rücktritts sei eine ganz persönliche Entscheidung. Er gehe diesen Schritt jedoch nicht nur wegen seiner eigenen Fehler, sondern auch für die Fehler der Kirche, betonte Marx. Wörtlich schrieb er:

"Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge." 

Marx schrieb, aus seiner Sicht sei "die Katholische Kirche an einem toten Punkt" angekommen. Mit seinem Amtsverzicht könne er "vielleicht ein persönliches Zeichen setzen". 

Tatsächlich sind Vertuschungsvorwürfe gegen Marx in seiner Zeit als Bischof von Trier bislang nicht ausgeräumt worden, wie CNA Deutsch berichtete.

Wie CNA Deutsch berichtete, veröffentlichte der Vatikan nur eine Woche später ein Schreiben an den Erzbischof von München und Freising – hier der volle Wortlaut –, worin Papst Franziskus erklärte, es habe ihm gefallen, dass Marx "weiterhin gerne Priester und Bischof dieser Kirche" sei und "die nächsten Jahre" verstärkt der Seelsorge widmen und sich einsetzen für eine geistliche Erneuerung der Kirche wolle.

Der Kardinal antwortete daraufhin, er sei "bewegt über die Ausführlichkeit und den sehr brüderlichen Ton seines Briefes". Marx wörtlich:

"Im Gehorsam akzeptiere ich seine Entscheidung, so wie ich es ihm versprochen habe. Das bedeutet für mich und unsere gemeinsame Arbeit im Erzbistum München und Freising aber auch, zu überlegen, welche neuen Wege wir gehen können – auch angesichts einer Geschichte des vielfältigen Versagens –, um das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen. Dabei steht der Bischof nicht allein und ich werde in den nächsten Wochen darüber nachdenken, wie wir gemeinsam noch mehr zur Erneuerung der Kirche hier in unserem Erzbistum und insgesamt beitragen können; denn der Papst greift vieles auf, was ich in meinem Brief an ihn benannt habe, und gibt uns wichtige Impulse."

Es bleibe dabei, so Marx, weiter, dass er "persönlich Verantwortung tragen muss und auch eine 'institutionelle Verantwortung' habe, gerade angesichts der Betroffenen, deren Perspektive noch stärker einbezogen werden muss". Die Entscheidung des Papstes sei eine "große Herausforderung". Wörtlich: "Danach einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen, kann nicht der Weg für mich und auch nicht für das Erzbistum sein."

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