Kardinal Marx bietet Papst Franziskus Amtsverzicht an

Kardinal Reinhard Marx im Gespräch mit Journalisten am letzten Tag der Tagung zum Thema "Jugendschutz in der Kirche" am 24. Februar 2019 in Rom.
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

Kardinal Reinhard Marx hat Papst Franziskus gebeten, seinen Verzicht auf das Amt des Erzbischofs von München und Freising anzunehmen und über seine weitere Verwendung zu entscheiden.

In einem Brief vom 21. Mai an Papst Franziskus legt der 67 Jahre alte Kardinal seine Gründe für diesen Schritt dar, und erklärt:

"Die nächsten Jahre meines Dienstes würde ich gerne verstärkt der Seelsorge widmen und mich einsetzen für eine geistliche Erneuerung der Kirche, wie Sie es ja auch unermüdlich anmahnen."

Die Erzdiözese veröffentlichte den Brief des Kardinals an den Papst und eine persönliche Erklärung am 4. Juni auf Deutsch, Englisch und Italienisch.

In seiner persönlichen Erklärung gibt der einflussreiche Erzbischof – dem unter anderem Vertuschung von Missbrauch vorgeworfen worden ist – zu, er habe in den vergangenen Monaten immer wieder über einen Amtsverzicht nachgedacht.

Seine Bitte um Annahme des Rücktritts sei eine ganz persönliche Entscheidung. "Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge." 

In einer ersten Reaktion teilte der Nachfolger von Marx als Vorsitzender der Bischofskonferenz mit, er bedaure den Schritt, könne die Entscheidung von Kardinal Marx jedoch verstehen. Seinem Vorgänger zollte Bischof Georg Bätzing von Limburg "großen Respekt". Bätzing wörtlich: "Kardinal Marx will mit seinem Schritt ein Zeichen setzen und institutionelle Verantwortung persönlich übernehmen".

Tatsächlich war Marx nicht nur persönlich für seinen Umgang mit Missbrauch in Kritik geraten, sondern hatte sich zuletzt auch vom Vorsitz des heftig umstrittenen "Synodalen Wegs" und anderen Ämtern – etwa im Februar 2020 vom Vorsitz der Bischofskonferenz – zurückgezogen.

Auch auf das Bundesverdienstkreuz, dass ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trotz Kritik von Missbrauchsopfern verleihen wollte, hatte Marx Ende April verzichtet.

Wie CNA Deutsch berichtete, hatten Betroffene sexueller Gewalt in einem Brief an den Bundespräsidenten erklärt: "Es ist uns nicht verständlich, wie Sie Herrn Kardinal Marx das Bundesverdienstkreuz verleihen  können, einem Mann, der nach wie vor in der Kritik steht, Fällen sexualisierter Gewalt in seinem früheren Bistum Trier nicht konsequent nachgegangen zu sein und dem man in diesem Zusammenhang Vertuschung vorwirft".

Der Vorwurf der Vertuschung gegen Marx ist bislang weder geklärt noch ausgeräumt worden. Auch in seinem Brief an Papst Franziskus geht Kardinal Marx darauf nicht näher ein.

Das Bistum teilte am heutigen 4. Juni mit: Papst Franziskus habe Marx bestätigt, dass das Schreiben nun veröffentlicht werden könne und dass der Kardinal "bis zu einer Entscheidung seinen bischöflichen Dienst weiter ausüben" solle. Demnach behält der deutsche Kardinal auch weitere Ämter bei, etwa seinen Sitz im Beratungsgremium des Papstes, dem Kardinalrat.

"Synodaler Weg" und weitere Rücktritte

Nicht nur der Umgang mit Missbrauch befeuert die Kirchenkrise in Deutschland, sondern auch der umstrittene "Synodale Weg" sorgt für Kontroversen. Diesen hatte Kardinal Marx mit aus der Taufe gehoben und als "verbindlich" bezeichnet, bis Rom mehrfach dagegen intervenierte. Der Prozess ist nun weder verbindlich – noch ist klar, wie er in den weltkirchlichen "synodalen Prozess über Synodalität" einfließen wird, den Papst Franziskus mittlerweile angekündigt hat.

So hat der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Gualtiero Bassetti, erklärt, dass der italienische synodale Prozess nicht vergleichbar mit dem deutschen "Synodalen Weg" sei. Die Worte des italienischen Kardinals folgten der scharfen Kritik von Kardinal Vinko Puljić, dem Erzbischof von Sarajevo, an den "exotischen Ideen" des deutschen "Synodalen Wegs" – sowie der äußerst scharfen Kritik der amerikanischen Erzbischöfe Samuel Aquila von Denver und Salvatore Cordileone von San Francisco.

Auch der australische Kardinal George Pell sowie der italienische Kardinal Camillo Ruini, der englische Bischof Philip Egan von Portsmouth und der spanische Bischof José Ignacio Munilla Aguirre von San Sebastián haben sich der wachsenden Zahl von Kirchenvertretern und prominenten Theologen angeschlossen, die sich besorgt über den "Synodalen Weg" und andere Vorgänge in Deutschlands Diözesen zu Wort gemeldet haben. 

Aus seiner Sicht sollte dennoch der "Synodale Weg" in Deutschland nicht abgebrochen werden, meint Marx, sondern weitergehen. Ähnlich äußerte sich auch sein Nachfolger Bätzing heute. In einer Pressekonferenz am Freitagnachmittag erklärte Kardinal Marx, er sei weder amtsmüde noch demotiviert. Er glaube auch "fest an eine neue Epoche des Christentums". Dafür müsse die Kirche aus ihrer Krise lernen und sich erneuern. Der "Synodale Weg" sei ein Teil davon.

Die kontroverse Debattenveranstaltung hat jedoch auch innerhalb der deutschen Diözesen für TurbulenzenKritik und schwere Bedenken gesorgt – vor allem auch theologische.  

Marx schreibt in der heute veröffentlichten Dokumentation, aus seiner Sicht sei "die katholische Kirche an einem toten Punkt" angekommen. Mit seinem Amtsverzicht könne er vielleicht "ein persönliches Zeichen setzen". 

Ohne weiter auf seine persönliche Verantwortung für den Umgang mit Missbrauch und den umstrittenen "Synodalen Weg" einzugehen, schreibt Marx auch: "Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten".

Die Untersuchungen und Gutachten der zurückliegenden zehn Jahre zeigten für ihn, dass es "viel persönliches Versagen und administrative Fehler" gegeben habe, aber "eben auch institutionelles oder systemisches Versagen". 

Nach Erzbischof Stefan Heße von Hamburg ist Marx nun der zweite deutsche Ortsbischof, der seinen Rücktritt in der Kirchenkrise angeboten hat. Heße hat im März den Papst um die sofortige Entbindung von seinen Aufgaben als Erzbischof gebeten: Hintergrund waren die gegen Heße erhobenen Vertuschungsvorwürfe im bahnbrechenden Kölner Missbrauchsgutachten (CNA Deutsch hat berichtet). 

Letztes Update am 4. Juni 2021 um 15:54 Uhr mit weiteren Einzelheiten.

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