Synodaler Weg in Frankfurt: "Keine Instrumentalisierung des Missbrauchs!"

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, bei der zweiten Synodalversammlung zum "Synodalen Weg" am 30. September 2021 in Frankfurt Main am Main.
Foto: Screenshot Livestream "Synodaler Weg"

Heute wurde in Frankfurt die zweite Synodalversammlung des umstrittenen "Synodalen Weges" eröffnet. Bei der Pressekonferenz zum Auftakt erklärten der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, dass der umstrittene Prozess die "systemischen Ursachen" des sexuellen Missbrauchs bekämpfen wolle. 

Dafür seien "Reformen" nötig, unterstrichen beide. Den Vorwurf, der "Synodale Weg" würde das Leid der Missbrauchsbetroffenen instrumentalisieren, um kirchenpolitische Forderungen durchzudrücken, wies der Vorsitzende der Bischofskonferenz zurück. Solche Unterstellungen seien "sehr unerlaubt" und "sehr anmaßend", behauptete Bätzing wörtlich.

Missbrauchsopfer hatten zuvor genau diesen Vorwurf gegen einzelne Gruppen wie "Maria 2.0" erhoben.

Noch bis Samstag soll auf der zweiten Synodalversammlung im Frankfurter Congress Center über die Textvorlagen beraten werden, die die einzelnen Synodalforen erarbeitet haben (Lesen Sie hier die Analyse von CNA Deutsch mit einer aktuellen Standortbestimmung des "Synodalen Weges"). 

Insgesamt nehmen etwa 230 Delegierte an der Versammlung teil, darunter auch die deutschen Orts- und und Weihbischöfe. Der Hamburger Erzbischof, Stefan Heße fehlt in Frankfurt wegen eines Trauerfalls in seinem persönlichen Umfeld.

Bischof Bätzing: "Keine Instrumentalisierung des Missbrauchs"

Bei der Pressekonferenz erklärte Bischof Bätzing, dass der "Synodale Weg" weiter "Fortschritte mache". Zwar habe unter anderem die Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz, die letzte Woche in Fulda stattfand (CNA Deutsch hat berichtet), wieder gezeigt, dass es "unterschiedliche Meinungen" gebe und "auch kontrovers distkutiert" werde. Doch der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz gab sich am heutigen Donnerstag zuversichtlich, dass der als die Debattenveranstaltung die Mehrheit der Bischöfe hinter sich habe.

Gleich in seinem Eröffnungsstatement wählte der Limburger Bischof scharfe Worte, um die Sorge zurückzuweisen, die Missbrauchskrise der Kirche in Deutschland sei lediglich ein Vorwand, um mithilfe des "Synodalen Weges" zentrale Punkte der Kirchenlehre zu ändern. Bätzing sagte heute wörtlich:

"Von Instrumentalisierung des Missbrauchs zu sprechen (...) finde ich, ist eine sehr unerlaubte, sehr anmaßende Stellungnahme und wird den Betroffenen nicht gerecht."

Die "systemischen "Ursachen" seien schließlich der Anlass für den "Synodalen Weg", fuhr der Bischof fort. Später nannte Bätzing das Beispiel, dass die Lehre der Kirche zu Partnerschaft und Sexualität so formuliert werden müsste, dass sie "orientierend wirkt", auch für jene Menschen, die "in Dilemmata" stecken.

Wie CNA Deutsch berichtet hat, wird dem "Synodalen Weg" auch von Missbrauchsbetroffenen selbst vorgeworfen, ihr Leid für kirchenpolitische Ziele wie eine Abschaffung des Zölibats, die Einführung einer Frauenweihe oder für eine Änderung der Sexualmoral zu instrumentalisieren.

Auch der Publizist Bernhard Meuser, der als Jugendlicher selbst Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen Priester wurde, sieht etwa im Entschluss zum "Synodalen Weg" lediglich "taktische Finesse und ein Lehrstück institutioneller Verdrängung". Meuser wörtlich:

"Man möchte über etwas Anderes reden, möchte die eigentliche Baustelle vergessen machen. Irgendwas an Reform soll passieren, aber bitte an einer ganz, ganz anderen Ecke, etwas, das Lärm macht, das positive Nachrichten von Kirche erzeugt, etwas, bei dem die Leute sagen: Na, sie tut doch was! Der Witz ist: Sie tut zum eigentlichen Thema gerade nichts, außer vor Betroffenheit zu triefen und sich einer peinlichen Debatte um die Höhe von Abfindungen (sic!) hinzugeben. Sie kehrt weiter unter den Teppich."

Ob Missbrauchsopfer sich von Bischof Bätzing, dem selbst Vertuschung von Missbrauch vorgeworfen wird, sagen lassen, dass ihre Kritik "sehr unerlaubt" sei, bezweifeln Beobachter.

Sternberg: "Systemische Ursachen" des Missbrauchs bekämpfen

Der noch amtierende Präsident des ZdK, Thomas Sternberg, verwies in seinem Statement auf die – ebenfalls umstrittene – MHG-Studie ("Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der deutschen Bischofskonferenz"). Diese Studie habe die "systemische Ursachen" des Missbrauchs offengelegt, die nun "bekämpft" werden müssten.

Dafür sollten Bischöfe seines Erachtens die "Reformvorschläge" umsetzen, die auch von "vielen Gläubigen" gefordert werden, appellierte der CDU-Politiker. Viele dieser "Reformen" seien seit der Würzburger Synode 1976 "schockgefrostet liegengeblieben", man nehme daher bei den Gläubigen "viel Ärger und Frust" wahr.

"Unser Ziel ist es, den Opfern von sexueller Gewalt gerecht zu werden", erklärte Sternberg wörtlich. Das andere Ziel des "Synodalen Weg" sei es, "wirklich zu evangelisieren".

ZdK-Präsident: Schisma-Vorwurf ist "völlig unberechtigt"

Insgesamt ist die "internationale Aufmerksamkeit" sehr groß, räumte Sternberg ein. Die von zahlreichen Beobachtern geäußerte Sorge, dass der "Synodale Weg" in einen "deutschen Sonderweg" abgleite, habe sich "als völlig unberechtigt herausgestellt", behauptete der ZdK-Funktionär am Donnerstagabend wörtlich.

Tatsächlich häufen sich Befürchtungen aus dem In- und Ausland, die Kirche in Deutschland könne durch den "Synodalen Weg" in eine Art "Nationalkirche" abdriften und sich von der übrigen Weltkirche abspalten

Der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Gualtiero Bassetti, hat erklärt, dass der italienische synodale Prozess nicht vergleichbar mit dem deutschen "Synodalen Weg" sei. Die Worte des italienischen Kardinals folgten der scharfen Kritik von Kardinal Vinko Puljić, dem Erzbischof von Sarajevo, an den "exotischen Ideen" des deutschen "Synodalen Wegs" – sowie der äußerst scharfen Kritik der amerikanischen Erzbischöfe Samuel Aquila von Denver und Salvatore Cordileone von San Francisco.

Bereits früher hatten sich Kardinal George Pell, aber auch der italienische Kardinal Camillo Ruini, der englische Bischof Philip Egan von Portsmouth und der spanische Bischof José Ignacio Munilla Aguirre von San Sebastián der wachsenden Zahl von Kirchenvertretern und prominenten Theologen angeschlossen, die sich besorgt über den "Synodalen Weg" und andere Vorgänge in Deutschlands Diözesen zu Wort gemeldet haben.

Die Initiatoren haben die Kritik an einem möglichen "deutschen Sonderweg" immer wieder zurückgewiesen

Bischof Bode: "Ein Baum lebt nicht nur von den Wurzeln"

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode stellte sich bei der Auftakt-Pressekonferenz den Fragen der Journalisten. Es gelte nun, das Evangelium auch im 21. Jahrhundert zu verkünden, so Bode. Allerdings könne "nur eine Kirche der Beteiligung evangeliumsgemäß verkünden".

Bode sprach über das Verhältnis von Schrift und Tradition, von Theologie und Lehramt, von "Zeichen der Zeit" und "Glaubenssinn der Gläubigen". Schrift und Tradition hätten zwar einen "Vorrang", müssten sich aber "im Licht des Evangeliums den Zeichen der Zeit stellen", sagte der Bischof.

"Ein Baum kann nicht nur von den Wurzeln her gedacht werden", führte Bode weiter aus, "er lebt auch von der Photosynthese mit der Umwelt."

Gerade bei diesen Punkten werde es auch innerhalb der Bischofskonferenz immer wieder Streit geben, räumte Bode ein, aber dieser Streit sei "notwendig" um in eine "Kommunikatibilität" zu kommen, die in der gesamten Weltkirche verstanden wird.

Wie zerstritten ist die Bischofskonferenz?

Die Initiatoren des "Synodalen Weges" hatten ursprünglich geplant, dass "Beschlüsse" der Synodalversammlung für jede Diözese rechtswirksam sein sollten. Der entsprechende Passus in der Satzung des "Synodalen Weges" hieß zunächst: "Sie (die Beschlüsse) erlangen Rechtswirkung durch die Inkraftsetzung durch die einzelnen Diözesanbischöfe."

Nach wiederholter Intervention durch den Vatikan musste die Satzung überarbeitet werden, sodass keine Rechtswirkung mehr besteht. Die "Beschlüsse" der Synodalversammlung sind daher nicht bindend für die einzelnen Diözesanbischöfe. In der Satzung heißt es dazu nun: 

"Beschlüsse der Synodalversammlung entfalten von sich aus keine Rechtswirkung. Die Vollmacht der Bischofskonferenz und der einzelnen Diözesanbischöfe, im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeit Rechtsnormen zu erlassen und ihr Lehramt auszuüben, bleibt durch die Beschlüsse unberührt."

Auf die Frage eines Journalisten, wie zerstritten die Bischofskonferenz tatsächlich ist und ob die Bischöfe die "Beschlüsse" des "Synodalen Weges" umsetzen werden, antwortete Bätzing: "Das wage ich nicht zu beurteilen".

Die Bischöfe handeln eigenverantwortlich, wiederholte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, es liege in der Hand eines jeden Bischofs selbst, was sie in ihrer Diözese umsetzen.

Es gebe jedoch "eine große, große Mehrheit, die ganz deutlich hinter den 'Synodalen Weg' steht", betont der Limburger Bischof. "Nicht alle Texte werden wohl eine Zweidrittelmehrheit erhalten, aber darum geht es jetzt noch nicht, es geht erst einmal um eine grundlegende Zustimmung."

Die Vizepräsidentin des ZdK, Karin Kortmann (SPD), fügte an, das "Demokratieverständnis" werde "von einigen Personen der Synodalversammlung" abgelehnt. Diese "Personen" seien der Ansicht, "dass Kirche und Demokratie nicht zusammengehen". 

Synodalversammlung dauert bis Samstag

Die zweite Synodalversammlung tagt vom 30. September bis zum 2. Oktober im Frankfurter Congress Center. 

Nach der ersten Synodalversammlung am 30. Januar 2020, mit der ein "Synodaler Weg" begann  - sollte die zweite Synodalversammlung ursprünglich noch im September letzten Jahres stattfinden. Wegen der Coronavirus-Pandemie wurden stattdessen regionale Treffen arrangiert.

Im Frühjahr 2021 starteten die Initiatoren einen neuen Anlauf, eine zweite Synodalversammlung einzuberufen. Dort können laut Satzung unverbindliche "Beschlüsse" gefasst werden, doch fand sich im Vorfeld dafür keine Mehrheit. Also fand im Februar 2021 lediglich eine Online-Konferenz statt.

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